Die Brücke
- März 2026
Die Brücke
Viel zu spät zur Party zu kommen – das ist eine meiner Spezialitäten. Dafür blieb ich dann manches Mal auch viel zu lange. In diesem Fall war es die Entdeckung der Fernsehserie „Die Brücke – Transit in den Tod“. Sie erschien als Empfehlung für Menschen, die wie ich und meine liebste Fernsehmitguckerin gerne Nordic Noir schauen und von einem kleinen, möglichst roten Häuschen in Schweden träumen (in Blau geht zur Not auch).
In der Serie geht es um die Öresundbrücke zwischen Schweden und Dänemark, genauer: zwischen Malmö und Kopenhagen. Exakt in der Mitte dieser Brücke, also auf der Landesgrenze, wird der Leichnam einer Frau aus einem Auto abgeladen. Das führt dazu, dass sowohl eine Kommissarin der Malmöer Kripo zum Tatort fährt und die Ermittlungen aufnimmt, als auch kurze Zeit später ein Kommissar aus Kopenhagen eintrifft. Als Erstes stellt sich heraus, dass der Körper nicht nur genau auf der Mitte zum Liegen gebracht wurde, sondern dass es sich um einen geteilten Leichnam handelt. Der obere Teil, bis zur Hüfte, gehörte einer Stadtverordneten aus Malmö, die am Tag zuvor verschwunden war. Der Unterleib gehörte einer dänischen Prostituierten, die vor zwei Jahren verschwand und deren Fall nach kurzer Zeit eingestellt worden war.
Die Schwedin Saga Norén (Sofia Helin) und ihr Kollege von der Insel, Martin Rohde (Kim Bodnia), bilden über zehn Folgen ein denkwürdiges Ermittlerpaar. Saga ist kurz angebunden und scheint ohne viel Gefühl zu sein; als Zuschauer stellt man womöglich sogar die Ferndiagnose Autismus-Spektrum. Sie hat kein Privatleben, und wenn sie Nähe möchte, nimmt sie sich ohne Flirtschnickschnack einen Mann aus einer Tanzbar mit nach Hause. Martin ist ein bisschen stämmig und ungefähr so alt, wie ich es vor ein paar Jahren war. Er ist gemütlich, gut gelaunt und mit viel Gefühl. Er hat eine Familie in Kopenhagen und wird im Laufe der Staffel seine Frau betrügen. Der Plot ist lang, verwunden und verzwickt – ich habe bei 22 Toten aufgehört zu zählen, was selbst für skandinavische Krimis eine ziemliche Anzahl ist. Umrahmt wird jede Folge von einer Musik, die direkt an meiner Seele gezupft hat: Der Song „Hollow Talk“ von Choir of Young Believers hat mir, im Zusammenspiel mit einem sehr gelungenen Zusammenschnitt aus Rückblick und Trailer, jedes Mal das Gefühl melancholischer Spannung vermittelt. Ein großes Gefühl.
Obwohl sich in Malmö baulich wahrscheinlich nicht viel getan hat, merkte ich irgendwann, dass die Protagonisten noch mit Tastentelefonen zu kämpfen haben und nur die wenigsten über ein Smartphone verfügen. An dieser Stelle war die Neugier geweckt, und ich machte mich kundig. Siehe da: Die erste Staffel von „Die Brücke“ war schon von 2011. Wie konnte das an mir vorübergehen? Ich las weiter, dass es noch drei weitere Staffeln gab, die letzte 2018 veröffentlicht. Und das fand ich witzig: Diese Serie wurde in vielen Ländern adaptiert. Wo immer es Grenzbrücken, Grenzen oder große Unterschiede gab, wurde zum Auftakt in der Mitte eine Leiche abgeladen, sodass sich zwei ermittelnde Welten begegnen mussten.
Mir gefällt die Serie sehr. Vor allem sind mir die beiden Hauptpersonen Saga und Martin menschlich ans Herz gewachsen, und ich freue mich über jedes Lächeln der beiden, wenn sie sich in ihren Gesprächen einander öffnen und voneinander lernen. Beide haben einen starken Charakter und sind großartige Schauspieler. Auch diesen beiden recherchierte ich also mit dem Handy hinterher. Zu meinem Bedauern las ich, dass die dritte und vierte Staffel ohne Martin auskommen mussten. Er wurde durch einen anderen dänischen Kommissar ersetzt. Warum? Weil Kim Bodnia nicht mehr wollte.
Oder auch: nicht mehr konnte. Denn für ihn als Juden wurde die Situation in Malmö und in der Öresund-Region immer unsicherer. Das sollte zum Thema der dritten Staffel gemacht werden. Die Serienmacher lehnten dieses Ansinnen ab, und Kim Bodnia sah sich nicht mehr imstande weiterzudrehen. In Malmö, wie überhaupt in Südschweden, hat sich eine formidable Szene von Islamisten versammelt, unterstützt von Gangs und Gewalt. Malmö gilt deswegen – auch jenseits antisemitischer Gewalt – als eine der unsichersten Städte Europas. Aber dass sich ein Schauspieler am Set in seiner Heimatregion fürchten muss, war mir nicht klar gewesen.
Dann bin ich wegen dieser Serie, dieser Brücke und dieses Soundtracks selber dort hingefahren. Zwischen den Jahren auf der deutschen Seite der Ostsee gestartet, sind meine Freundin und ich an Silvester mit der Sieben-Stunden-Fähre ins winterliche Schweden übergesetzt. Wie in meiner Kindheit, als es die Öresundbrücke noch gar nicht gab, legten wir in Trelleborg an. Von Malmö war nur die Umgehungsstraße zu sehen, denn unser Ziel war das beschauliche Karlskrona. Karlskrona liegt auf dreißig Inselchen und ist UNESCO-Weltkulturerbe. Es beherbergt seit über hundert Jahren die Admiralität der schwedischen Marine, und das zugehörige Marinemuseum ist einen Besuch wert. Die Innenstadt besteht aus alten, teils schon etwas schiefen, bunten Holzhäusern und großbürgerlichen Stadthäusern verschiedener Bauepochen. Bemerkenswert ist der Marktplatz, an dessen Rand eine sehr freundliche Kirche steht, eine weitere Kirche als Nachbarin, gegenüber das Rathaus und das Theater.
Bei unserem ersten Spaziergang schneite es. Wir sind zum Hafen hinunter, dort an den Winterschlaf haltenden Jachten vorbei, und haben einen seltsamen Fischbischof fotografiert. Dann sind wir, Wärme und einen Kaffee suchend, in die Gassen der Innenstadt abgebogen. Es war herrlich: Winter, eine gemütlich wirkende Stadt, ein winkender Kaffee mit Zimtschnecke irgendwo in der Ferne.
Tja, und dann habe ich den Aufkleber gesehen. Auf dem Laternenmast einer belebten Wohnstraße klebte ein runder Aufkleber, gestaltet wie ein Verbotsschild. Doch statt einer schräg durchgestrichenen Zigarette oder Ähnlichem, was stören könnte, war eine große Hakennase abgebildet. Nach einer kurzen Sekunde der Ratlosigkeit erschrak ich vor der furchtbaren Botschaft. Der Aufkleber war fast schon verwittert. Wenn ich ihn als Tourist wahrgenommen habe, war er schon von vielen Augen gesehen worden. Und niemand hatte sich von seinem inneren Kompass genötigt gefühlt, das Ding zu entfernen. Was für ein Statement. Antisemitismus in Reinform, „Juden raus“ in Südschweden – und zwar nicht in den Vierteln der Gangs von Malmö, sondern als geduldetes Statement im behaglich-bürgerlichen Karlskrona, das einmal die Hauptstadt des Landes hätte werden sollen. Was für ein Schrecken.
Da spielte es dann fast keine Rolle mehr, dass die Serie nach dem Ausscheiden Kim Bodnias einen ebenso spannenden Charakter als Ersatz vorzuweisen hat und die beiden weiteren Staffeln mehr als sehenswert sind.
Auszug der Lyrics von Hollow Talk, dem Introstück von Young Choir of the Believers
Echoes start as it crosses room
Trembling noises that come too soon
Spatial movement which seems to yield
Resonating a mask of fear
Hollow talk in a hollow cave
Thoughts set off on the root of pain
Silence seizes a clouded moon
Light is shed not a breath too soon
Darkness rises and all you do
Is tightly drawn across the room
Spatial movements aren′t found about
Shadows scatter without a doubt
Never said it was good, never said it was near
Shadow rises and you are here
Never said it was good, never said it was near
Shadow rises and you are here
And when you call
You call it all
And when you call.
You call it all
And everything