Wenn Musik, dann von hier
Es war Mitte der 2000er Jahre, und ich erinnere mich noch, wie erregt Andreas Grosse auf der Bühne des Societaetstheaters in Dresden sprach. Wie unverschämt der Mitteldeutsche Rundfunk sei! Der hatte gerade eine neue Plakatkampagne gestartet, deren Slogan lautete: „Wenn Musik, dann Jump.“ Grosse war der berechtigten Meinung, dass fast das Gegenteil richtig sei. Auch mir kam es vor wie bei jenem Song namens „Jump“, dessen Interpreten ihre Klamotten verkehrt herum trugen – so verkehrt erschien mir das alles.
Als ich um die Jahrtausendwende in den Osten gezogen war, hatte ich, wie es meiner Sozialisation entspricht, ein Küchenradio aktiviert und nebenher Radio gehört. Was mich erstaunte: Im offiziellen Jugendradio MDR Jump liefen fast dieselben Oldies, die meine Mutter in ihrer Jugend gehört hatte. Selbst bei uns im Westen war mehr Ostmusik im SDR, später SWR – „Am Fenster“ von City zum Beispiel. Hier im Osten schien es keine Musik gegeben zu haben, die den Leuten emotional etwas bedeutete und ihr jugendliches Lebensgefühl aufrechterhielt. Kein Karat, kein Silly, kein City, keine electra, keine der vielen Folkbands aus DDR-Zeiten. Nichts. Keine Tradition – und, das ist der Kern dieser Bemerkung, auch keine aktuelle Musik von hier.
Im Westen war es dagegen gang und gäbe, mir schien es fast wie eine jährliche Kampagne, ein, zwei Songs aus dem jeweiligen Sendegebiet zu Hits zu machen. Man gab einer jungen Band die Gelegenheit, einen guten Song zu präsentieren, und spielte ihn immer und immer wieder, bis sich die Leute ein Leben ohne diesen Song nicht mehr vorstellen konnten. Das krasseste Beispiel ist sicher „Lemon Tree“ von Fools Garden.
Woran es beim MDR lag, weiß ich bis heute nicht genau. Ob alle Musikredakteure aus dem Westen zugereist waren? Ob sie sich nicht trauten, einen eigenen Musikgeschmack auszuspielen – oder überhaupt einen relevanten Anteil an Wortbeiträgen unterzubringen? Ob es Musikredakteure im herkömmlichen Sinne überhaupt gab? Ob der MDR glaubte, im Kapitalismus nur überleben zu können, indem er noch kommerzieller agierte als die sächsischen Privatradios, die an sich das bessere, modernere Radioprogramm machten? Oder saßen da schlicht Menschen am Ruder, denen das Gewicht von Musik, musikalische Erziehung und musikalische Neugier keine Werte waren?
Die Podiumsdiskussion im Societaetstheater habe ich nur noch vage in Erinnerung. Ich glaube aber, sie war Teil einer kleinen Kampagne, die der kreative Kopf Sebastian Salvator Schwerk initiiert hatte, mit dem Ziel, Sachsen ein Jugendradio zu verschaffen. Er selbst war damals nur noch so jugendlich wie ich – vom Alter her also gar nicht. Aber darauf kommt es bei Popularmusik auch nicht an. Ein Musikwissenschaftler hat mir einmal erklärt, es sei geradezu eine Definition von Popularmusik, dass sie das jugendliche Lebensgefühl erlebbar macht.
Warum interessierte mich das alles überhaupt so? Es gab jenseits meines Küchenradios noch eine andere Bühne, von der ich fast täglich und gerne Musik zu hören bekam: Ich war Geschäftsführer des Musikclubs Scheune in der Dresdner Neustadt und habe die Privatisierung und den Übergang zu einem respektablen Kulturzentrum mitbegleitet. In dieser Funktion hatte ich viel mit Konzerten zu tun, also mit der Begegnung von Publikum und Künstlern, aber auch mit den Rahmenbedingungen, unter denen sie stattfindet. Zu diesen Rahmenbedingungen gehört die Entwicklung und Pflege einer regionalen Musikszene. Denn nur so entsteht Musik für viele Millionen Menschen: indem eine mutige Band, nachdem sie zum ersten Mal den Proberaum verlassen und auf kleinen Jugendhausbühnen gespielt hat, zu einem Festival oder Ähnlichem in mittelgroße Musikclubs eingeladen wird und sich traut, dort vor einem Publikum zu spielen, das sie noch nicht kennt. Wer sich ästhetisch, organisatorisch und persönlich durch diese Phase kämpft, darf von weiteren Schritten träumen: Bekanntheit in der Region, dann nationale Bekanntheit – über das Radio und heute natürlich über die sozialen Medien.
Kein Künstler fällt vom Himmel. Keine Castingband hat je nachhaltig Musik produziert. Es ist die Graswurzelarbeit, an der so viele beteiligt sind, die dazu führt, dass auch jemand, der mit Musik gar nichts am Hut hat, am Frühstückstisch aus dem Küchenradio die Songs hören kann, die ihm etwas bedeuten.
Ich glaube, deshalb kam Schwerk damals auf mich zu. Wir sammelten Unterschriften mit der Forderung an die Medienpolitik, ein sächsisches Jugendradio zu ermöglichen, das diesen Namen auch verdient, seine Funktion innerhalb der beschriebenen Graswurzelarbeit bewusst wahrnimmt und seinem Publikum neue, gute Musik aus der Region präsentiert. Die Kampagne war nicht von Erfolg gekrönt. Wir hatten uns schnurstracks in das Kuddelmuddel sächsischer Landespolitik verknotet: Eine linke Landtagsabgeordnete trat als Erstunterzeichnerin auf, und fortan wurden wir von den Entscheidern nicht mehr ernst genommen.
Schwerk und ich arbeiteten an anderer Stelle weiter und konzipierten die Scheunenakademie, in der jungen Künstlern das Handwerkliche beigebracht wurde: wie man seine Musik unter die Leute bringt, seine Einnahmen verwaltet, seine Tantiemen bekommt. Da es in Sachsen und darüber hinaus im Osten kaum eine Institution gab, die sich mit diesen Themen befasste und damit auch an die Öffentlichkeit ging, wurden wir zu einer ersten Veranstaltung der von der Bundesregierung gegründeten Initiative Musik eingeladen. Dort ging es um ein Spielstättenportrait – einen ersten Überblick über die Landschaft der Musikclubs überhaupt. Wir übernahmen das für Sachsen und interviewten die Clubbetreiberinnen. Das war an sich schon interessant. Noch interessanter wurde es beim Auswertungsworkshop in einem kleinen Schloss im tiefsten Brandenburg, als ein gewisser Karsten Schölermann vom Knust in Hamburg und meine Wenigkeit beim Bier auf die eigentliche Idee zu sprechen kamen: die Notwendigkeit einer Vertretung der Musikspielstätten auf Bundesebene. Natürlich sagte in der nächsten Minute jemand, man könne doch nicht einfach einen Bundesverband gründen – aber das haben wir vor lauter Euphorie gar nicht mitbekommen. Ein Jahr später gründeten wir in Würzburg, im Kairo, die Live-Musik-Kommission, kurz LiveKomm, den Verband der Musikspielstätten in Deutschland e. V. Mit diesem bin ich tatsächlich viel unterwegs gewesen und habe versucht, die Rahmenbedingungen für die Branche, aber auch für die kreative Arbeit zu verbessern.
Ein großes Projekt war das sogenannte Popbüro für Sachsen, das ich mit anderen immer wieder angegangen bin, auf der Suche nach argumentativen Verbündeten in der Landespolitik. Auch das war bedauerlicherweise nicht von Erfolg gekrönt. In einer CDU-Abgeordneten fand ich zwar eine Gesprächspartnerin auf Augenhöhe, doch sie allein hatte nicht die politische Macht, eine solche Idee einzuspeisen und umzusetzen. Erst als ich weg vom Fenster war, kam die Sache voran, und die Langsamkeit der Mühlen hat immerhin dazu geführt, dass es eine solche Einrichtung heute gibt: Unter dem Dach des Branchenverbandes Kreative Sachsen wird eine Anlaufstelle betrieben, die dazu da ist, die Bedingungen für Musikkultur zu verbessern. Von deren Arbeit höre ich praktisch nichts mehr – aber ich stehe ja auch nicht mehr in der Praxis, außer als passiver Konzertgänger.
Was ich aber höre, ist mein Küchenradio. Und aus dem kommt: Musik von hier. Was wir uns vor zwanzig Jahren gewünscht haben und was schon damals kulturpolitisch notwendig gewesen wäre, ist nun Wirklichkeit geworden. Künstlerinnen und Künstler aus dem Sendegebiet des MDR werden redaktionell an prominenter Stelle des Programms untergebracht; sogar ein Festival mit einigen dieser Künstler wird vom MDR veranstaltet. Dieser Effekt kommt spät, aber noch nicht zu spät. Nicht nur, dass die Künstler endlich einmal auf einen nennenswerten GEMA-Betrag hoffen können – es führt auch zur Professionalisierung der ganzen Szene, wenn sich eine Musikredaktion um Künstler kümmert, Biografien erfragt, wenn Musik so aufgenommen werden muss, dass sie im Radio gespielt werden kann, wenn aus einer großen Vielfalt von Angeboten ausgewählt wird. Und beim Publikum bin ich ganz sicher, dass ich nicht der Einzige bin, dessen Neugierde geweckt wird – auch unter jenen, die gar nicht wussten, dass es so einfach sein kann, neue Musik zu entdecken, ohne die liebgewordene Musik der Vergangenheit beiseiteschicken zu müssen.
Ich weiß nicht, was Grosse dazu sagen würde. Er hat nach dem Societaetstheater die wirklich wichtige Reihe „Musik zwischen den Welten“ organisiert, in der ein weiterer Aspekt von Musikkultur erlebbar wird: die Inspiration durch Musik, die von ganz weit herkommt, gespielt unter anderen Rahmenbedingungen und in anderen ästhetischen Traditionen. Ich glaube, dass vor zwanzig Jahren einfach die falschen Menschen im MDR für Jump zuständig waren. Und ich glaube, dass die Kulturpolitik des Freistaats Sachsen damals so ausschließlich auf Hochkultur setzte, dass sie Kultur nur ernst nahm, wenn sie in Anzug und Krawatte auftrat. Wer die Idee hatte, diesen Auftrag vom damaligen Jugend-, späteren Familienradio Jump hin zu MDR Kultur zu verlagern, weiß ich nicht – aber ich möchte ihm an dieser Stelle Respekt und meinen Dank aussprechen. Nunmehr als Hörer bin ich schwer begeistert von dieser Idee und kann nur allen wünschen, vor allem aber den Musikerinnen und Musikern, dass es so weitergehen möge.