Magnus Hecht

KI-Beratung für Soziales & Kultur

Bemerkungen ·

Autofahrergesellschaft Deutschland oder „my home is my car“

Ich fahre auch mal 25.000 Kilometer im Jahr, wenn es sein muss. Ich fahre gerne Auto. Es entspannt mich, wenn es auf die Autobahn oder übers Land geht. Ich höre Musik, und manchmal singe ich lauthals mit – das mache ich bei keiner anderen Gelegenheit mehr. Es ist mein Auto. Ich weiß, wo ich das Ladekabel haben sollte. Ich weiß, dass ich noch irgendwo zwei Euro für die Parkuhr versteckt habe. Ich fühle mein Auto. Manchen meiner Autos habe ich sogar Namen gegeben. Mein erstes Auto war der Ford Fiesta meiner Tante, ein Geschenk, ein Fiasko ohne Boden. Dann kam ein R4 F6 mit Namen Karin und der Möglichkeit, im hinteren Teil die Gardinen zuzuziehen, wenn darin übernachtet wurde. Dann kam ein Baum. Dann kam ein VW, ein Passat mit Namen Frau W. Dann ein Bulli für den Urlaub. Dann ein Toyota Tercel von meiner anderen Tante, dann ein Opel Ascona Touring, in dessen viertem Gang ich überraschenderweise doch das eine oder andere Auto zwischen Görlitz und Reutlingen überholt habe. Dann kam lange nichts, dann die Familie und damit ein Nissan Primera, ein Skoda Octavia, ein Ford S-Max – mit dem ich das Prinzip durchbrochen hatte, immer eine andere Automarke zu fahren. Zu diesem Prinzip kehrte ich mit dem Honda CR-V zurück. Ich bin jetzt in dem Alter, in dem ein höherer Einstieg keine Scham mehr auslösen sollte. Und trotzdem ist mir klar, dass die Erfindung des Verbrennungsmotors und sein massenhafter Einbau der Anfang vom Ende unserer Zivilisation war.

Ich fühle mich wohl in meinem Auto, geborgen. Das ist auch der Unterschied zu jedem Mietwagen, sei er noch so neu und schick. Auch ein geleastes Auto weckt nicht diese heimeligen Gefühle wie mein eigenes, bei dem ich genau weiß, woher der Sand im Fußraum stammt – und den ich deswegen zur Erinnerung noch den ganzen Herbst mit in der Gegend herumfahre. Und so wie mir mag es vielen gehen: das Auto als Höhle. Ich glaube, das erklärt die emotionale Tiefe des Erlebnisses. Die Menschen kommen aus der Höhle und fühlen sich in engen Räumen geborgen, siehe Campingmobile. Und wenn die Höhle sich dann noch von A nach B bewegen kann, kommen zwei wesentliche Menschheitsbedürfnisse zusammen. Wie wichtig Bewegung und Mobilität für die Menschen sind, zeigt die Anzahl der vielen unterschiedlichen Wörter für die Bewegungsarten – sie gehören zu den gebräuchlichsten eines jeden Wortschatzes. Die Wege werden zu Zielen, und der Begründer der Medientheorie, Marshall McLuhan, bezeichnete Wege und Bahnen gar als Erweiterungen unserer Körperlichkeit, als Medien. So ist die große Emotionalität beim Thema Mobilität zu erklären. Parkplatzsuche, Ampelschaltungen, Baustellen und die Höhe des Benzinpreises wecken ein Vielfaches an Aufregung bei den Bürgern verglichen mit der sozialen Frage. Das stammt aus der Zeit der Altvorderen, die sich mit anderen Gefährten von hier nach da bewegten.

Das Automobil ist die Krönung des falschen Königs Individualverkehr. Wir sehen am Straßenrand Tempel, heute Tankstellen genannt, in denen Rituale zum Auffüllen der Kraft vollzogen werden und eine Spende fällig wird. Wir sind stolz, wenn wir über einen „Schrauber“ im Bekanntenkreis verfügen, eine Art Medizinmann. Wir blicken bang auf die Entwicklung der Automobilindustrie und hängen ihrem Chef, dem Vorstandsvorsitzenden von VW, dem Herrscher über Millionen, an den Lippen, wenn er sich zur Zukunft unseres Landes äußert. Es ist Ausdruck einer sehr persönlichen Entscheidung, ja der eigenen Individualität, ob man sich einen Golf mit Dieselmotor leistet oder einen mit größerem Benzinmotor, gar einen Golf Variant oder einen Golf GTI. Der Autofahrer zeigt damit den eigenen Geschmack mehr als mit der Wahl des Lebenspartners. Die Stärke des eigenen Automobils bedeutet den Wunsch nach der gleichen Stärke im richtigen Leben. Es ist Status und Balzinstrument. Für manche ist es der Sinn des Arbeitseinkommens, sich alle fünf oder sechs Jahre ein neues Auto leisten zu können, das man jeden Tag zum Pendeln braucht, damit man so viel verdienen kann, dass man sich alle fünf oder sechs Jahre ein neues Auto leisten kann. Und dann bekomme ich keinen Parkplatz vor der Haustür! Sondern muss nach Feierabend noch vier Minuten zu Fuß laufen. Was für eine Erniedrigung! Was für ein Bruch des Wohlfühlkreises. Die Musik dazu spielt das Autoradio Musik und dann kommt Wetter und Verkehr.

Und dann kommt das E-Auto. Der Elektromotor ist sehr viel effizienter, die beweglichen und damit reparaturanfälligen Teile verringern sich gegenüber dem Verbrenner von mehr als 200 auf weniger als 30. Schnelligkeit geht nur auf Kosten vieler Kilometer Reichweite. Höher, schneller, weiter, mehr Gebrumme und Geprotze soll auf einmal kein Wert mehr sein? Kein Geruch von Benzin mehr? Ich glaube, es geht nicht nur um das Aufgeben der liebgewordenen mobilen Höhle, sondern auch – und deswegen ist die Verbindung nicht ernst genug zu nehmen – um das Schüren des Feuers in der Höhle. Das hat den Menschen erst zum Menschen gemacht. Gibt es eigentlich ein Automodell namens Prometheus? Jedenfalls hat die Verbrennung von Ressourcen zu einer Entwicklung geführt, an deren Ende so viel Veränderung, Klimaveränderung, stehen könnte, dass es durch die vielen Klimaflüchtlinge, die Umwälzungen in der Landwirtschaft und die Verteilungskämpfe um Trinkwasser zu einem Ende der Industrienationen kommt – einem Ende der Zivilisation, wie wir sie kennen. Und dann? Dann sitzt ein Deutscher wieder in seiner immobilen Höhle und schürt das Feuer mit einem Stock. Und dazu macht er Brummbrumm und schaut vorsichtig zu den Frauen seines Stammes, ob das jemand wohlwollend bemerkt hat.

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