Pfarrer Ohm und der Wert jedes Menschenlebens
Seit einigen Jahren bin ich im Sommer immer auf der Halbinsel Wittow auf Nord-Rügen und richte mich in meinem Zelt im weißen Sand eines Campingplatzes direkt hinter den Dünen ein. Dort fühle ich mich wohl und entkomme dem Alltag von Stadt, Menschen, Krankheit. Ich bin jetzt in dem Alter angekommen, wo es mich mehr zum Meer zieht als zu Menschen. Neben der Ostsee, die dort in Richtung Schweden weitergeht, interessiere ich mich für Fischbrötchen, nordisches Bier, Nächte am Strand, meine Hängematte, Bücher und Ausflüge über das Land. Auch an Land finde ich, was mich anzieht. Die Alleen machen mir Mut, weil sie eine Richtung vorgeben. Ich liebe die Felder mit ihren Rändern, die Wolken und die kleinen hutzeligen Häuschen in den Fischerdörfern. Und was mir wirklich viel bedeutet, ist ein Besuch in einer der Kirchlein aus Backstein. Man betritt sie durch die schwere Holztüre, die zu Recht so laut knarzt, als ob sie Jahrhunderte festhalten würde. Drinnen riecht es ein wenig nach dem Moder der gleichen Jahrhunderte. Die Kirchenbänke sind wahnsinnig unbequem. Dafür werden bei den Gottesdiensten in jeder Reihe Kerzen angezündet, was romantisch wirkt, fast schon spirituell. Die Kirchlein sind klein. Einige haben nicht mal einen Kirchturm am Schiff selbst, sondern der steht ein paar Schritte davon entfernt und ist aus Holz. Der Friedhof rund um das Gebäude ist bei zweien mit uralten, schiefen, halb versunkenen Grabsteinen gespickt. Dazwischen stehen Denkmäler zur Erinnerung an die Kriegstoten. Ich besuche eine solche Kirche, um mich dort in Ruhe hinsetzen zu können und nachzudenken. Wenn draußen die Sonne scheint, tanzen helle Muster über den Boden mit den Grabplatten der verstorbenen Kirchenleute und Adligen. Meine Lieblingskirche ist die Alte Kirche in Altenkirchen, die, wie der Name schon sagt, die älteste in diesem Teil der Insel ist. Auf Platz zwei kommt die St.-Georgs-Kirche in Wiek, die von einem armlosen Georg auf seinem Pferd bewacht wird, einer Holzskulptur aus dem 12. Jahrhundert. An dritter Stelle steht für mich Bobbin. Dort steht eine Kirche auf einem Hügel und schaut auf Bodden und Meer, auf Dörfer und Felder drumherum. Die Kirche, die für mich die größte Bedeutung hat, ist die Wegkirche in Trent. Dort bin ich vor über zehn Jahren zufällig bei einem Spaziergang gelandet. Ich habe mir geschworen, zurückzukommen und ein Dankgebet zu sprechen, falls unsere Ehe wieder heilt. Es kam nicht dazu.
Erst in diesem Jahr habe ich erfahren, dass es in diesen Kirchen und an anderen Orten auf der Halbinsel eine ganze Veranstaltungsreihe gibt. Weil ich auf einmal Zeit hatte, habe ich das Programm studiert und mir eine Lesung von Durs Grünbein in Altenkirchen herausgesucht. Er las im Kosegarten-Haus aus seinem neuen Roman “Der Komet”. Das Kosegarten-Haus ist ein Minimuseum vor der Alten Kirche. Es zeigt Leben und Wirken von Kosegarten, der als Pfarrer in genau dieser Gemeinde wirkte. Durch seine Schriften, Briefe und Besuche hat er den Mythos vom romantischen Rügen begründet, hat ihn uns allen erst erschlossen. Das Haus kann aber in einen Veranstaltungsort verwandelt werden. Und dort sah ich ihn zum ersten Mal und hörte seine seltsam altertümliche Begrüßung, “Seien Sie alle willkommen geheißen”. Pfarrer Ohm ist sehr groß, hat einen altmodischen Dreiteiler an, eine Glatze mit Brille. Er spricht mit der Färbung des nordischen Inseldialekts. Seine Stimme ist eines Pfarrers würdig, tief, aber nicht zu tief, ruhig, knarrend, leicht autoritär. Er muss sich zu den meisten Menschen ein bisschen bücken, was seine Rolle unterstreicht. Trotzdem wirkt er warm und offen. Für keinen Kontakt ist er sich zu schade. Er ist ein theologisches Arbeitstier, ein Mann der Praxis, der weit mehr tut, als nur seine Gottesdienste abzuhalten und sich um die Gemeinde zu kümmern. Er erzeugt eine Prägung, ist wirksam in der Welt. Er liebt Lyrik und hat selbst einen Gedichtband herausgegeben, aus dem er in seinen Kirchen bereits gelesen hat.
Durs Grünbein, ein Dresdner wie meine Familie und ich, hat in diesem Roman die Geschichte seiner Großmutter erzählt, die während des Krieges aus Ostpreußen an die Elbe gekommen war. Sie erlebte die Bombennächte, die Zerstörung der Innenstadt und die ganze Nachkriegszeit. Ich fand die vorgetragenen Passagen gut, auch weil ich selbst keine Oma hatte, die ich nach dieser Zeit in Dresden hätte fragen können. Und es ist ein Antikriegsbuch. In diesem Zusammenhang erwähnte Durs Grünbein den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine, was prompt dazu führte, dass jemand aus dem Publikum unter grummelndem Protest den Raum verließ. Ich glaube, das war der erste Moment, an dem ich dachte, “mutig eigentlich, in dieser Region voller AfD-Wähler eine solche Thematik zu veranstalten.” “Und wie wichtig”, dachte ich auch. Am Ende überreichte der Veranstalter dem Künstler eine Flasche Wein und bedankte sich. Ehe ich mich versah, begann er mit einem kurzen Gebet und einem Segen, der den ganzen Raum umfasste. Das war eine nette Zugabe, denn ich selbst wäre nie auf die Idee gekommen, mich segnen zu lassen. So etwas kann sicher nicht schaden. Ich ließ mir das Buch später vom Autor für meine beiden Kinder signieren, die auch niemanden hatten, den sie nach den alten Zeiten fragen könnten.
Die nächste Veranstaltung war in der Kirche in Bobbin, und es ging um Lyrik und Jazz. Meine beiden Chemnitzer Zeltplatzfreunde Arndt und Annett hatten mich darauf aufmerksam gemacht. Jazzfreund Arndt wollte vor allem Günter “Baby” Sommer sehen, den Dresdner Professor für Jazz-Perkussion, einen Gott am Schlagwerk. Die Kirche war wunderhübsch mit Kerzen in jeder Bankreihe beleuchtet. Das Publikum war zahlreich den kleinen Hügel zur Kirche hinaufgestiegen und wurde vom Pfarrer wieder mit “Seien Sie herzlich willkommen geheißen” begrüßt. Leider war Baby Sommer erkrankt, sodass es nur zwei Musiker auf der Bühne gab, Micha Winkler, ein Mehr-als-ein-Posaunist aus Sachsen, und der Gitarrist Uwe Kropinski, den ich zum ersten Mal sah, ebenfalls eine beeindruckende Person. Das Instrument der menschlichen Sprechstimme wurde hervorragend von Thomas Brückner bedient. Gelesen wurden Texte von Johannes Bobrowski (1917–1956), einem Lyriker, der aber auch Erzählungen verfasste. Und es ging wieder um die Themen Krieg und Gewalt. Ein Text handelte von einem Pogrom an litauischen Juden. Und wieder gab es am Ende eine Flasche Wein für die Künstler und einen schnellen Segen für alle. Das vierte, besondere Element ist der Handschlag für alle von Pfarrer Ohm am Ausgang. Es war eine wundervolle, stimmige Veranstaltung.
Und dann gab es die Vertonung eines Stummfilms in der St.-Georgs-Kirche in Wiek. Der polnische Organist Filip Presseisen vertonte “Die Stadt ohne Juden” von 1924. Der Stummfilm galt lange als in großen Teilen verschollen, bis weitere Filmrollen auf einem Pariser Flohmarkt entdeckt wurden. Er erzählt die Geschichte einer Stadt, die jüdische Bürger zu Sündenböcken erklärt und sie aus der Stadt verbannt. Dadurch brechen wesentliche Teile der Stadt wie der Einzelhandel und die Kultur ein, sodass die Juden am Ende gebeten werden, wiederzukommen. Der Autor des zugrunde liegenden Romans, Hugo Bettauer, wurde 1925 von einem Antisemiten erschossen. In der Moderation gab es keine direkten Bezüge zur heutigen Weltlage oder zum Erstarken rechtsextremer Bewegungen. Doch allen im Publikum war klar, was diesen Film begleitete. Es war die Warnung vor der Umsetzung antisemitischer, eliminatorischer Strategien.
Es gab noch viele weitere spannende Veranstaltungen im Kalender. Insgesamt habe ich im Programm von Juni bis September 87 gezählt. Was für eine Dichte, was für eine Anzahl. Dazu kommen Ausstellungen und viel Lyrik, auch im Kirchgarten von Altenkirchen, wo Besucher sich aus einem Lyrik-Automaten in der Kosegarten-Statue ein eigenes Gedicht ziehen können.
Die Veranstaltung, die mich am meisten beeindruckte, war die mit Irina Scherbakowa, einer der Gründerinnen der russischen Menschenrechtsorganisation Memorial. Sie ist Germanistin und sprach eindrücklich über ihr Verhältnis zu Deutschland und über das Verhältnis der beiden Länder zueinander. Sie hat Klarheit, ohne die Leute zu verurteilen. In ihrem Buch, aus dem sie kaum las, geht es um ihre Geschichte als Mitbegründerin von Memorial. Diese Organisation sammelte seit den Tagen von Glasnost Informationen über die Opfer des sowjetischen Systems. Ihr Ziel war es, den Lebenden Gewissheit über den Verbleib ihrer toten Angehörigen zu ermöglichen. Im besten Fall kann der Weg eines Opfers bis zu seinem gewaltsam herbeigeführten Tod in einem Gulag, einem Gefängnis oder einem Zwangsarbeitslager rekonstruiert werden. Überlebende des Systems wurden aufgesucht und ihre Lebensgeschichten erfasst und dokumentiert. Die zentrale Forderung am Anfang war, einen Gedenkort für die Opfer des Stalinismus einzurichten. Dies geschah kurz nach der politischen Wende. Ihre Arbeit war damit aber nicht beendet, sondern konnte unter neuen Vorzeichen viele Erkenntnisse bringen. 2021 wurde Memorial von Putin verboten und aufgelöst. Die Sammlungen an Fotos, Dokumenten und Gegenständen konnten teilweise in den Untergrund gerettet werden, vieles wurde aber konfisziert. Mit welcher Energie und Akribie die Menschenleben nachgezeichnet wurden, wie wichtig die einzelnen Opfer sind — das hat mich an der Schilderung von Frau Scherbakowa am meisten beeindruckt. Ein menschliches Erinnern kann dem systematischen Versuch, Menschen und ihre Gedanken auszulöschen, entgegengesetzt werden. Es stärkt den Sinngehalt des Lebens und die Menschlichkeit. Natürlich macht das Mut. Genau das hatte ich bei den Nachrichten um mich herum schon fast verloren, bei so vielen Toten, bei so viel unmenschlicher Grausamkeit und Vernichtungswillen. Die Welt ist verrückt geworden, dachte ich. Aber das stimmt nicht. Jedes Leben zählt, jeder Mensch hat Menschen, die sich an ihn und seine Gedanken erinnern. Der Kampf um das Erinnern ist nicht einfach und erfordert Mut. Es ist kein heldenhafter Mut nötig, das hat Frau Scherbakowa gezeigt. Es ist der Mut, der aus der menschlichen Vernunft erwächst, aus dem einfachen bürgerlichen Wissen um richtig und falsch. Menschen massenhaft zu quälen ist falsch. Wie konnte dieses Wissen in Gesellschaften verdrängt werden?
Und am Ende des Abends gab es wieder ein unverhofftes Gebet und einen schnellen Segen von Pfarrer Ohm. Ich bin ihm sehr dankbar für seine Arbeit. Ich kann nur ahnen, was es für eine Arbeit ist, als Pfarrer einer kleinen Gemeinde mit fünf uralten Kirchlein in drei Monaten fast 90 Veranstaltungen zu organisieren und durchzuführen. Und dann haben sie noch eine solche Qualität. Vor der Haltung dahinter habe ich großen Respekt. Ich wünsche mir, dass von diesem Tun und seiner lyrischen Macht noch viele Menschen berührt werden. Gedanken über die Themen Gewalt, Krieg, Schuld und Hass sind auf Nord-Rügen genauso nötig wie überall auf der Welt. Hier setzt jemand Menschlichkeit und Segensreichtum dagegen. Das tut gut.
Und ich wünsche mir, dass Menschen, wenn sie in sich hineinhören, auf andere Gedanken kommen. Dass sie sich nicht der Häme und den Lügen anschließen, die unmenschliche Wahlprogramme als Niedertracht verbreiten.
Zum verlorenen Chat: den kann ich von hier aus nicht wiederfinden, Chats aus anderen Sitzungen sind für mich nicht einsehbar. Falls du magst, kannst du mir aber einen der bereits überarbeiteten Texte von der Homepage schicken, dann gleiche ich Ton und Rhythmus noch genauer ab.